"I want to make clear that I am not denying the existence of anything; I am only refusing to affirm it".
"Ich möchte klarstellen, dass ich die Existenz der Dinge nicht leugne; ich weigere mich lediglich, sie zu bestätigen".
- Bertrand Russell
Ich halte den Atem an und stoße mich ab. Als ich die Augen öffne, sehe ich blau. Das Denken beginnt.
Facebook. Es ist erstaunlich, wie ich abhängig bin von diesem Internet-werkzeug. Wie sehr WIR ALLE davon abhängig sind. Im Alltag, meine ich, im Alltag hier in Amherst. Facebook ist der Ort, an dem wir einander beobachten. Der Ort, an dem wir uns darüber informieren, was wer gerade macht. Der Ort, an dem wir andere über unsere Vorlieben aufklären. Unsere Hobbys. Unsere Lieblingsbücher. Meine persönliche Grenze ist dergestalt, dass ich keine Informationen über mein Liebesleben in Facebook veröffentliche. Andere tun das. Bereitwillig. Hier in den USA noch ausgiebiger als in Deutschland. Per einfachem Mausklick erfährt man, ob das hübsche Mädchen aus der Disko gestern Abend einen Freund hat, Single ist oder gar auf der Suche nach einer Beziehung. Schnell überprüft man ihre Hobbys und ihre Lieblingsfernsehshows. Wow, sie hat denselben Geschmack! Merke ich mir, muss ich das nächste Mal unbedingt beiläufig erwähnen - als Gesprächsstarter super geeignet! Wie war das eigentlich, als meine Eltern sich zum ersten Mal dazu verabredet haben? Was wussten sie voneinander? Wenn ich heute ein Mädchen treffe, dann weiss ich folgendes: Geburtsjahr, vollständiger Name. Liest gerne diese neue Vampirsaga (auch wenn sie weiß, dass das keine besonders anspruchsvolle Lektüre ist, wie sie in Klammern einfügt). Sie schaut gerne How I met your mother (okay, schaut gerade jeder, ist aber schonmal gut) und Twin Peaks (wow, denke ich, jemand, der sich ein bisschen besser auskennt!). Der Musikgeschmack hingegen lässt etwas zu wünschen übrig! Da stehen nur Dinge drin, die jeder kennt. Jack Johnson (oder John Jackson - ach, was weiß ich), Pink, Eminem, Red Hot Chili Peppers. Keine einzige Band, die ich nicht kenne! Enttäuschend. Schließlich mag ichs ein bisschen spezieller... Ob sie langweilig ist? Hm... mal weiterschauen: sie scheint geistreich zu sein. Ein paar lustige Lieblingssprüche stehen da auf ihrer Seite. Oder hat sie die bei ihren Freunden kopiert und eingefügt? Hm... keine Ahnung. Ihre Gruppen sind interessant. Eine Gruppe für die Befreiung Tibets (wow, sie ist politisch interessiert), eine Gruppe, die sie als Fan der New England Patriots auszeichnet (super, vielleicht kann sie mir Football erklären...) und eine Gruppe für all diejenigen, die Horrorfilme mögen, weil sie sich dann ganz eng an die Männer kuscheln können. Merke ich mir. Könnte nützlich sein. Und dann das wichtigste. Ihre Bilder. Sie hat 576 Bilder von sich online. Kein Video. Die Anzahl der Bilder lässt auf häufigen Aufenthalt in Facebook schließen. Und schon klicke ich mich durch. Wow, sie war mal im Urlaub in Mexiko! Da war ich auch! Juhu, schonwieder ein Thema, das beiläufig angesprochen werden kann! Doch wer ist der Typ auf dem Bild? Ihr Exfreund? Oh, der sieht gut aus, hoffentlich findet sie, dass auch auch gut aussehe... Naja, das Bild ist ein Jahr alt, sie war also letztes Jahr in Mexiko. In einem Jahr kann viel passieren, von dem Exfreund habe ich wahrscheinlich nicht viel zu befürchten! Mit dieser Erkenntnis schließe ich Facebook erstmal. Dann lese ich auf Wikipedia die Geschichte Tibets durch, um nicht im Gespräch wie ein totaler Vollidiot auszusehen...
Naja. Die Sache hat einfach zu viele Vorteile, um nicht daran teilzunehmen. Und es macht ja auch Spaß.
Ich habe beschlossen, mich da einfach auch reinzustürzen und das mitzumachen. Wie es jeder ja irgendwie machen muss, zu seinen Lebzeiten. Ich bitte meine Freunde nur höflich darum, mir ordentlich eine auf die Fresse zu hauen, wenn ich eines Tages wirklich da reinschreibe, mit wem ich gerade eine Beziehung führe und ob ich grade auf der Suche nach einer Beziehung bin oder nicht. Da verläuft meine Trennlinie. Die Frau soll sich ja auch ein bisschen anstrengen müssen, um was über mich zu erfahren...
200 Meter. Ich spüre den leichten Schmerz in den Oberarmen, als meine linke Hand den Rand berührt. Ein gutes Gefühl. Ein Gefühl der Veränderung. Mit beiden Armen ziehe ich mich heran und stoße mich mit den Beinen wieder ab.
Individualisten. Es gibt kollektivistischere und individualistischere Kulturen. Deutschland ist eine recht individualistische Kultur. Jeder zahlt für sich in der Bar. Ist das unfair? Vielleicht. Enge Freunde bezahlen auch mal was für den anderen, einigermaßen abwechselnd. In Spanien kommt eine Rechnung für alle auf den Tisch und wird durch die Anzahl der am Tisch sitzenden geteilt. Ist das unfair? Vielleicht. In Japan zahlt in der ersten Bar der Erste, in der zweiten Bar der Zweite und in der dritten Bar der Dritte. Der vierte Freund hat dann Pech gehabt, wenn die vierte Station die Diskothek ist. Er darf dann nämlich den Eintritt für alle bezahlen. Ist das unfair? Vielleicht.
In den USA hat in den Uniräumen jeder einen kleinen Stuhl für sich, an dem gleich schon der Tisch angebracht ist und man sich da quasi von einer Seite reinsetzt. Es gibt keine Tische für zwei Personen wie in Deutschland? Jeder nimmt sich einfach so eine Stuhl-Tisch-Kombination und dann wird sich einfach hingesetzt, wo man will. Sind die individualistischer als wir? Vielleic...
WOW! Hab gar nicht gesehen, dass da einer in meine Bahn eingestiegen ist! Grade noch gesehen, beinahe ineinander gekracht! Mist, Wasser geschluckt. Naja, kostet mich einige Sekunden. Aber ich bin ja nicht hier, um Sekunden zu zählen! Weiter gehts! Wo war ich...? Mist, vergessen...
Scheißhäuser. Amerikaner sind super freundlich und höflich. Nicht nur, dass sie sich jedes Mal entschuldigen, wenn sie einem den Weg kreuzen, nein, vor allem würden sie niemals sagen, dass sie aufs Klo müssen. Sie möchten gerne den 'bathroom' (das Badezimmer) benutzen. Wenn man den Amerikaner um die Ecke fragt: "Sorry, where is the next toilet?", dann wird der rot, als müsse er nicht sein Essen irgendwie wieder loswerden. Auch der wirds ja schließlich nicht wegschwitzen! Naja, so sind sie halt. Lustig wirds nur, wenn man auf einer Wanderung in den Bergen unterwegs ist, mitten in der Pampa, und sich dann die nette Amerikanerin mit den Worten "I have to use a bathroom" verabschiedet und in den Büschen verschwindet. Im ersten Moment dachte ich: "Was? Ein Bad? HIER?!" Naja, hoffentlich kein wilder Bär im Badezimmer...
Stille. Blau. Einfach der schwarzen Linie folgen. Ganz einfach. Kein Stress. Genieße den Schmerz ein wenig. Bald keine Kraft mehr. Noch zehnmal...
Wieder Scheißhäuser. Einfach zu interessant, um sie gleich aus meinem Kopf zu vertreiben. Jede Toilette und jedes Pissoir hier in Amherst hat ziemlich viel Wasser innen drinnen. Warum eigentlich? Keine Ahnung. Da stehen aber bestimmt vier bis fünf Liter Wasser in jedem Klo! Warum nur? Damit's schöner plätschert, oder wie?!
Statistisch gesehen sterben mehr Menschen (vor allem Kleinkinder) in den USA jährlich an Ertrinken in Toiletten - Entschuldigung: in Badezimmern -, als an Terrorattacken.
MIST! Da zieht gerade ein Mädchen an mir vorbei! Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen! Jetzt aber konzentrieren! Komm schon... ja...yes! Du hast sie gleich wieder! HAHAHA! Ego befriedigt, jetzt kanns weitergehen!
Ipod-Kabel. Warum zum Teufel trägt jeder hier auf dem Campus das Kabel seines Musikabspielgerätes AUSSERHALB?! Das ist doch hochgradig unästhe...unesthä... unschön! Da baumelt dieses weiße, dünne etwas an allen runter und man muss sich fast komisch vorkommen, wenn man das Kabel auf europäisch etablierte Weise unter seinem T-Shirt durchführt, so dass die Kopfhörer direkt aus den wallenden Kleidern zu kommen scheinen. Überhaupt, wer denkt sich denn sowas aus...
AAAH! Da kommt sie schon wieder und zieht an mir vorbei! Und das auch noch im Bruststil! Gut, ich war auch früher hier als sie. Außerdem schwimmt sie bestimmt jeden Tag, mit ihrer professionellen Mütze und so... Naja, warum stört mich das eigentlich? Ich bin doch für mich hier! Zeit für mich, war doch das Motto! Jetzt bin ich eh müde. Schnell raus hier, bevor jemand sieht, dass ich von einem Mädchen überrundet wurde...
Fühlt sich jedenfalls gut an, das Schwimmen. Und vierzig Minuten kann man dafür opfern, jeden zweiten Tag! Jetzt gehts nach Hause. Muss noch nen Aufsatz schreiben über Bertrand Russell und die Existenz der Dinge. Existieren Dinge oder nicht? Gibt es den Tisch oder bastele ich den in meinem Kopf zusammen? Ist das Leben eigentlich echt? Gibt es das Leben?
Naja, lieber schnell noch ein bisschen Leben genießen, bevor es verschwindet...
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