Samstag morgen, 4 Uhr, leise klopft die Musik an mein Ohr. Kettcar, Graceland, ein Lied darüber, dass alle immer wieder jung sein und von neuem beginnen wollen. Bei mir ist das glücklicherweise nicht der Fall. Zumindest noch nicht. Ich springe aus dem Hochbett. Meine Gelenke knacken nicht, als ich lande. Geschwind gehts in die Dusche, die Sachen sind schon gepackt, der Autoschlüssel liegt bereit. Pass? Ja. Führerschein? Ja. Ein bisschen aufgeregt bin ich. Aber gut, sag ich mir, ich habe auch links fahren in Afrika überlebt.
Das Auto steht auf dem nahen Parkplatz. Ich installiere alle technischen Geräte, bevor ich die anderen vor ihrem Wohnheim einsacke. I-Pod wird angestöpselt, Wills Navigationssystem angeschlossen.
Als das Gepäck verstaut ist, sitzen wir im Auto und diskutieren über die Musik. Wir entscheiden uns für keine Musik, weil einige noch schlafen wollen (haben die Nacht durchgearbeitet, um einen Essay pünktlich abzugeben). Dann wird das Navi konfiguriert:
Broadway Hotel N Hostel
230 West 101st Street
New York NY 10025
New york, City of Dreams...
Ankunft: Samstag morgen, irgendwann zwischen 9 und 10. Wir parken das Auto in der Upper-Westside in einem Parkhaus, nahe unserem Hotel. 36 Dollar für 24 Stunden. Bei zwei Autos und 2 vollen Tagen macht das 8 Dollar pro Kopf - das geht klar. Das Gepäck stellen wir im Hotel unter, dann gehts los. Central Park, wo all die kleinen Kinder Fußball und Baseball spielen, während ihre Eltern am Spielfeldrand stehen und sie anfeuern (einige im Anzug - wirklich wie im Film...) , Central Park South End, Mittagessen in irgendeinem Burgerschuppen, ein bisschen durch die Straßen spazieren und die Atmosphäre erschnuppern, dann auf zum Metropolitan Museum of Arts. Das Wetter war schlecht, also auf ins Museum!
Wenngleich ich immer noch nicht über den Punkt hinweggekommen bin, dass ich mich in einem Museum nach einer Stunde tödlich zu langweilen beginne, so ist es doch eine nette Angelegenheit, zweieinhalb Stunden hier zu verbringen. Extrem stilvoll und elegant eingerichtetes Gebäude, die unterschiedlichsten Dinge zu bestaunen (Fotografie, europäische Malerei, Japanische Gemälde, Moderne und zeitgenössische Kunst (das sind die, die so ganz komische Sachen machen und man sich nicht sicher ist, ob das 'Kunstwerk' ein Produkt tagelanger Arbeit ist oder ob es von einem betrunkenen 4 Jährigen in einer halben Stunde angefertigt wurde), ja, die haben sogar einen kompletten Ägyptischen Tempel hier drinnen!). Wie so oft im Leben merkt man in einem Museum, dass man keine Ahnung von Tuten und Blasen hat - zumindest was einige ziemlich umfassende Bereiche des menschlichen Lebens und der menschlichen Kultur angeht. Naja, vieles einfach nicht mein Ding. Umso schöner, dass wir Kunstgeschichtsstudenten dabei hatten, die mit Enthusiasmus in den Augen durch das Gebäude hetzen und nach zweieinhalb Stunden zum Treffpunkt kommen und verkünden, sie müssten hier auf jeden Fall wieder her. Menschen sind eben unterschiedlich. Wär ja auch doof sonst, irgendwie.
Zum Schluss gibts dann noch ein ganz besonderes Kunststück. Ein toter Hai. Geschätzte drei oder vier Meter lang, ausgestopft, in einem Glaskasten. Da hängt er und guckt irgendwie traurig. Amanda meint, dass sei gerade DER Renner in der Kunstwelt und es gibt Debatten darüber, ob das ethisch korrekt ist oder nicht und ob das Kunst ist oder nicht. Wie auch immer, ein echtes Hai-light (UAHAHAHAHAA!!!)...
Die Aussicht vom RockefellerCenter war atemberaubend. Mitten in Manhattan, südlich des Central Parks. Gute Sicht auf das EmpireStateBuilding, den Eastriver, den Hudsonriver, im Südosten die Brooklyn Bridge, im Süden Staten Island und die Freiheitsstatue (ganz ganz klein von da oben), im Norden der zweieinhalb Kilometer lange und ungefähr einen Kilometer breite Central Park mit seinen Seen und Wiesen und Ameisenjoggern. Wow. Da oben steht man dann und blickt gen Süden, dorthin, wo die Twin Towers standen und überlegt sich, dass hier oben vor genau 8 Jahren und einem Monat Menschen standen, als die Flugzeuge die beiden Zwillinge niedergerissen haben. Nicht einmal ansatzweise nachzuvollziehen ist die Panik, die hier oben ausbrach, 09/11/01 (die Amerikaner schreiben den Monat vor den Tag, weshalb das Datum der Anschläge vom 11. September 2001 an die Nummer der Polizei erinnert: 911).
Ground Zero. Eine Baustelle mit 8 Kränen. Nicht viel Interessantes. Interessanter ist es, einige Blocks entfernt vor der Trinity-Church zu stehen und sich vorzustellen, wie eine riesige Wolke aus Staub durch die Straßengräben Manhattans fegte, als die Türme zusammenbrachen. Diese Stadt wird für immer mit diesen Erinnerungen leben müssen.
Irgendwie beeindruckend.
Der Times Square blinkt. Bilder. Bildschirme. Poster. Licht. Überall Licht. Und Menschen. Der Times Square ist sehr beeindruckend. Samstag abend, wir wühlen uns durch die Meschenmassen. Ab und an bleiben wir stehen um Fotos zu schießen und ernten einige zornige Blicke. Man sollte in New York niemals einfach auf dem Gehweg stehen bleiben. Man sollte zur Seite gehen und dort stehen bleiben. Ansonsten hat man schnell eine Mitfünfzigerin in Designerklamotten im Rücken hängen, die einen böse anfunkelt und "fucking tourists" denkt. Alles ist in Bewegung, hier am Times Square noch viel mehr als anderswo, haben wir den Eindruck. Und diese Bildschirme überall. Alle Marken der Welt scheinen hier irgendwie vertreten zu sein. Auch McDonalds hat natürlich seine Filiale am Times Square. Alles in Bewegung. Und doch finden wir schließlich ein Plätzchen, wo einige Tische und Stühle aufgestellt sind sowie eine große Treppe aus Metall, die nirgendwo hinführt, auf der wir aber hervorragend sitzen können und den Menschen beim Wuseln zusehen. Ab und an fährt eine Stretch-Limousine vorbei, das Fenster fährt runter und irgendjemand lächelt heraus zu dem Pöbel, der es nötig hat, die eigenen Füße zu benutzen. Paradoxe Welt. Mitten auf dem Gehweg stehen zwei schwarze Muskelmänner und trainieren. Ihr Training unterbrechen die beiden dafür, junge Touristinnen hochzuheben und deren Begleiter Bilder schießen zu lassen. Auf einen Platz im Restaurant muss man etwa 2 Stunden warten an diesem Samstag. Gehobene Preisklasse, aber nicht zu teuer. Wir schreiben uns auf eine Liste ein und bekommen einen Piepser in die Hände gedrückt. Wenn der piepst, dann sind wir dran. Solange können wir aber nochmal durch die Straßen laufen. Ein riesen M&M Store erhebt sich plötzlich rechts von mir. Ein ganzer, zweistöckiger Laden nur mit M&M-Artikeln. Tassen, T-Shirts, Tangas... alles mit den bunten runden Herren aus Schokolade drauf. Wer braucht sowas? Aber diese Frage ist hier fehl am Platz. Überall werden 'I (HERZ) New York' - Shirts verkauft (ich jedoch trage stolz mein 'I (HERZ) Tü'-Shirt und ernte einige verwirrte Blicke).
Eine Gruppe Mädchen, etwa 17 Jahre alt, trägt Schilder mit der Aufschrift 'Free Hugs'. Sie umarmen einfach jeden, der möchte.
Ein großartiges italienisches Dinner direkt am Times Square, im ersten Stock. Ich bezahle dreißig Dollar, das geht klar. Draußen vor dem Fenster blinkt das blaue M&M-Männchen herein, auf einem Bildschirm, der so groß scheint wie ein 25m-Schwimmbad. Man kann hier schneller leben, als man mitdenken kann. In Afrika verhungert gerade ein Kind.
Die eigenen Gedanken sind der einzige ruhige Ort in dieser aufregenden, absurden Welt.
Brooklyn Bridge. Sonnenuntergang. Wir gehen hinüber nach Manhattan, als das letzte Licht des Tages den Horizont zu einer rot-orangenen Glut entfacht. Dort hinten, im Norden, die Freiheitsstatue, die einsam und alleine aus dem dunklen Schwarz hervorragt und ihre erloschene Fackel dem Himmel entgegenstreckt, als wolle sie sie an dessen Glut entzünden. Irgendwann gelingt es und die Fackel leuchtet auf. Die Hochhäuser sehen beeindruckend aus. Wir machen Bilder und genießen den eiskalten Wind und die Atmosphäre über dem East-River.
Heute Mittag sitze ich in der DiningHall in Amherst und werde gefragt, was das Beste an New York gewesen ist. Schwer zu sagen. So viele unterschiedliche Dinge. Mein erster Gedanke war: einfach mit den Leuten durch die Straßen wandern, hinauf auf die Aussichtsplattformen und die Atmosphäre einatmen. Oder im Madison Square Park sitzen und einen Cappuccino trinken, während wir die Menschen beobachten. Oder das Lied aus dem Gladiator-Soundtrack auf der Heimfahrt. Die mexikanischen Gitarreros in der U-Bahn. Ich muss wiederkommen, irgendwann.
Ich würde hier gerne einmal ein Jahr meines Lebens verbringen. Mich an den Trubel gewöhnen. Mich der Geschwindigkeit anpassen, mit der das Leben hier an den Menschen vorbei fließt. Noch individualisierter leben als ich es ohnehin schon tue. Es ist faszinierend. Je mehr Menschen auf einem Fleck leben, desto anonymer und fremder werden sie sich. Keine Frage, New York ist geil. Ich weiß nur nicht, ob ich hier meine Kinder groß ziehen möchte.
Ich bin halt doch ein Kleinstadtkind.
Demnächst kommen ein paar Bilder!
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