Mittwoch, 28. Oktober 2009

Zombies, Elvis und das Leben

Jean-Jaques Rousseau schrieb vor über 200 Jahren dieses Abschlusswort in seiner Kritik des Online-Networking-Systems FACEBOOK:
"Niemand kümmert sich mehr um die Wirklichkeit; alle setzen ihr Wesen in den Schein. Als Sklaven und Narren ihrer Eigenliebe leben sie dahin, nicht um zu leben, sondern um andere glauben zu machen, sie hätten gelebt."




Es ist ein sonniger und beschaulicher Herbstmorgen in New England, als die Zombies an mir vorbeistürmen. Sie nehmen die Verfolgung auf. Fünfzig Meter die Straße entlang haben sie ein Opfer ausgemacht. Als sie ihm näher kommen, realisiert der zum Tode Verdammte, was gerade geschieht. Ein junger Mann, vielleicht 18 Jahre. Schlank, nichts ahnend, braune Haare, auf dem Weg zu einer Vorlesung. Im Bruchteil einer Sekunde schießt das Adrenalin durch seinen Körper. Er greift unter seinen Mantel und zieht seine Waffe. Eine Pistole mittleren Kalibers. Aber hat er genug Munition, um die Feinde zurück in die Finsternis zu schicken, aus der sie kamen? Er bezieht Deckung in einem Hauseingang. Wenige Sekunde später haben die Zombies den Hauseingang umstellt. Ihr Opfer sitzt in der Falle. 
"Der weißeste Krieger ist der, der nicht kämpft", besagt ein altes chinesisches Sprichwort, das über 2000 Jahre alt ist. Doch für derlei Weisheiten sitzt hier jemand zu gewaltig in der Scheiße. 
Der Kampf beginnt. Der erste Schuss lässt den ersten Zombie zu Boden gehen. Die Untoten werden vorsichtiger, aber es ist absehbar, dass sie einfach zu viele sind. Der zweite und dritte Schuss verfehlen ihre Ziele knapp. Sie bewegen sich schneller, als ich es aus den Filmen kenne. Der Mensch kämpft tapfer, doch er ist ein kleines, in die Enge getriebenes Kätzchen, das von einem Wolfsrudel gejagt wird. Als seine Munition aufgebraucht ist, sieht er sich einem Zombie gegenüber, der langsam auf ihn zuschlürft. Das Ende ist nahe. Er scheint sich damit abgefunden zu haben, denn er geht in die Knie, verschränkt die Arme hinter dem Rücken, blickt traurig zu Boden, dem Tode harrend. Dann geht alles Blitzschnell. Mit einer einzigen Armbewegung zieht der schon Totgeglaubte eine Hand voll Marshmallows hervor und schleudert sie dem nahenden Zombie ins Gesicht. Dieser kreischt auf, ein Ton, welcher der Schönheit unserer Natur spottet, und geht zu Boden. Der Mensch atmet schwer. Dann erhebt er sich und geht seiner Wege. Dies war ein Kampf. Die Schlacht dauert an. 


Zumindest noch bis Sonntag. Das Spiel heißt Zombies gegen Menschen und wird auf dem kompletten Campus gespielt, eine Woche lang, Tag und Nacht. Die Zombies tragen rote Kopfbänder, die Menschen gelbe. Die Yombies haben keine Waffen, außer den Körperkontakt. Wenn sie einen Menschen berühren, wird dieser selbst zum Zombie. Die Menschen haben dreierlei Waffen. NervGuns, das sind Luftdruckpistolen, die Schaumstoffzylinder als Munition haben, Marshmallows und Socken. Wenn die Zombies getroffen werden, sind sie für einige Zeit paralysiert. Es ist ziemlich witzig, in dieser Woche über den Campus zu laufen. So trifft man zum Beispiel auf seinem Weg zur Bibliothek am Dienstag morgen eine Gruppe Zombies, die lauernd im Gebüsch sitzen und auf ahnungsloses Menschenfleisch warten. Die Menschen sind meist in Gruppen unterwegs (Tipp der Veranstalter: "Als Mensch sollten Sie am Besten in einer Gruppe von Freunden reisen, denen sie vertrauen. Oder noch besser: Einer Gruppe von langsameren Feinden, die sich für Ihre Freunde halten".), bewaffnet mit Pistolen und größeren Kalibern. Ständig schauen sie sich um, ob nicht ein Zombie hinter der nächsten Ecke oder gar dem nächsten Bücherregal lauert. Und überall auf dem Campus hört man Dialoge wie:
A: "Die haben heute morgen direkt vor meinem Wohnheim gewartet, Mann! Aber ich hab sie alle umgenietet..."
B: "Das Schlimmste ist, wenn die dir im Bus begegnen! Da kannste nicht abhauen!"
Es gab sogar einen Fall, indem die Menschen den Spieß einmal umdrehten, indem sie einen Zombie gnadenlos gejagt und niedergestreckt haben... sie stürmten zu dritt ein Klassenzimmer, in dem gerade ein Seminar abgehalten wurde, und schickten den in der zweiten Reihe sitzenden Zombie mit mehreren gezielten Kopfschüssen zu Boden. Der Dozent war, nunja, verdutzt.
Es gibt viele Meinungen über dieses Spiel. Die einen finden es kindisch, die anderen dämlich, ich finde es kindisch, und deshalb großartig! Einfach mal wieder dem Kind im 'Erwachsenen' etwas mehr Raum geben. Macht das Leben bunter. Aber wem das zuviel ist, der kann auch dem Quidditch-Club beitreten. Da klemmen sich alle selbst-hergestellte Besen (zumeist ein Fabrikat der Serie Nimbus 2000) unter den Hintern und rennen über eine Wiese. Der goldene Schnatz wird von einem großen und korpulenten Studenten höheren Semesters gespielt, der, gänzlich in goldene Kleidung gehüllt, kreuz und quer wie blöd über das Spielfeld rennt. Auch großartig.


Das Jay Z Konzert war ziemlich geil! Ich habe mir drei Tage vorher das Album besorgt, um die neuen Songs zu kennen, was man meiner Erfahrung nach immer vor einem Konzert tun sollte. Konzerte sind mindestens dreimal so gut, wenn man die Songs kennt. Naja, 14.000 Menschen im Mullins Center, der Campus-eigenen Sporthalle. Ausverkauft, proppevoll, geile Stimmung (auf facebook gibt es zwei Videos davon). Vorgruppe war N.E.R.D. inklusive, natürlich, Pharell Williams. Haben die Bude richtig ordentlich heiß gemacht, mit neuen Sachen und natürlich auch den Klassikern (Lapdance (wer kennts noch?) oder She wants to move). Besonders beeindruckend war auch die Band, die mit zwei perfekt aufeinander abgestimmten Schlagzeugern am Start war.
Für alle, die den Namen noch nie gehört haben: Nun, lasst es mich so sagen: Jay Z selbst sagte an einer Stelle während des Abends: "Thanks to you, this is my 11th #1 album. Nothing against the man, but Elvis Presley has officially left the building." (Etwa: "Dank euch ist das mein 11tes Nummer eins Album. Nichts gegen den Typen, aber Elvis Presley hat sich gerade offiziell verabschiedet") Ja, Jay Z ist ein ganz großer Fisch. Nicht nur im HipHop. Er hat mehr Platten verkauft als Elvis Presley, mehr als die Stones und mehr als Michael Jackson. Die einzigen, die noch mehr verkauft haben, sind... na?... genau: die Beetles. 
Man kommt um den Mann also nicht rum, in der aktuellen Musikwelt. Auch wenn ich kein riesen Fan bin. Das Konzert war ziemlich geil und es war die 50$ in jedem Fall wert!


So, bevor ich jetzt aber zu viel Zeit damit verbringe, anderen glaubhaft zu machen, dass ich lebe, werde ich mich wieder mit Leben selbst beschäftigen. Genug für heute. Zum Schluss gibts was schönes von Hesse.




Stufen 


Wie jede Blüte welkt und jede Jugend 
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, 
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend 
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern. 
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe 
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne, 
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern 
In andre, neue Bindungen zu geben. 
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. (...)
                                                                                 - Hesse

2 Kommentare:

  1. "Der weißeste Krieger ist der der nicht kämpft"... Lass das keinen schwarzen lesen!

    Wer sind die Beetles? VW?

    Diese Zombie Action finde ich sehr geil... Ich führe das in KN auch ein ;) OHNE was davon anzukündigen! Ausserdem werde ich statt Marshmallows Steine nehmen... Und ich bin der einzige Mensch im Spiel. Muahahaha!

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  2. Danke.Hab die Fehler leider erst spaeter bemerkt...

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