Für zwei Nächte bin ich aus meinem trauten Zimmer 606e ausgezogen und schlafe unten im dritten Stock bei Alex. Der Grund: Fernbeziehungen sind scheiße! Das soll jetzt nicht heißen, dass ich eine Fernbeziehung mit Alex habe, sondern dass Yasmin aus dem fünften Stock gerade ihren Freund zu Besuch hat. Anders ausgedrückt: Stefan aus dem sechsten schläft bei Alex aus dem dritten, weil Yasmin aus dem fünften Männerbesuch hat, der aber aufgrund der Tatsache, dass Yasmin im fünften eine muslimische Mitbewohnerin hat, die nicht mit Männern in seinem Zimmer schlafen darf, ja, äh... eben nicht da schlafen darf.
Also sitz ich jetzt hier im dritten Stock im Gemeinschaftsraum und schreibe meinen Blogeintrag. Waren heute mittag zu viert in Amherst downtown und haben Cappucino/Tee/Kaffee getrunken und Schokolade/Cookies gegessen. Teuta, Marilia, Alex und ich. Wieder einmal kamen im Gespräch unterschiedliche Kulturen zum Ausdruck, was mich wieder etwas daran erinnert hat, warum ich so Spaß am Ausland habe. Und darüber werd ich jetzt ein bisschen reflektieren!
Warum Ausland? Friedrich Nietzsche hat sich zu seiner Zeit mal darüber beschwert, dass die Leute so kleingeistig sind. Was er damit meinte? Die Leute befolgen bestimmte Regeln und sie glauben, dass diese Regeln quasi in den Stein der Natur gemeißelte Naturgesetze sind und man im Falle einer Nichtbefolgung irgendwie moralisch minderwertig ist. Dabei haben die Leute jedoch keine Ahnung, dass schon im Kuhkaff 20 Kilometer weiter andere Regeln gelten, die dort für hochtrabende Naturgesetze gehalten werden. Diesen Gedanken könnte man auch auf die heutige Situation übertragen. In größerem Zusammenhang natürlich. Die Kuhkäffer sind analog hierzu verschiedene Länder auf verschiedenen Kontinenten. Perspektivenwechsel kann helfen, genau jene 'kleingeistigen' oder auch einfach anderen Lebensmuster zu durchschauen, denen wir heute, abhängig von der Kultur, in der wir leben, unterworfen sind. Verglichen mit Deutschland: Die Leute gehen freundlicher miteinander um in New England, sind gastfreundlicher in Port Louis, haben eine andere Auffassung von Höflichkeit in Kuala Lumpur, machen schlicht und einfach besseres Essen in Italien und, wie ich heute gehört habe, feiern bedeutend spaßigere Hochzeiten in Albanien. Einige Dinge sind besser, andere nicht. So greift man sich an den Kopf, wenn man hört, dass eine 'ziviliserte' Nation wie die USA keine gesetzliche Krankenversicherung hat und der Erlöser Obama alle Kräfte aufbieten muss, um das irgendwie durchzubringen. Andererseits werden im 'sozialistischen' Deutschland dem eigentlich mündigen Bürger vom Staat Entscheidungen abgenommen, die er eigentlich selbst treffen müsste. Will ich mich versichern oder nicht? Naja, so ein Eingriff verstößt nach Ansicht einiger Amerikaner nicht ganz zu Unrecht gegen eine gewisse Freiheitsvorstellung, die die Leute hier haben und die einfach ein Teil der Kultur ist.
Aber was springt eigentlich persönlich dabei raus? Schon als ich nach Konstanz umgezogen bin, habe ich das auf einer Seite als Befreiung empfunden. Warum? Weil ich glaube, dass nach meiner Schulzeit mein Verhalten zu einem nicht unbeträchtlichen Teil davon mit geprägt war, was andere in mir sahen. Nach 13 Jahren an einem Ort haben die Menschen ein Bild von dir und irgendetwas in dir macht es dir schwer, dein Verhalten zu ändern, auch wenn du es eigentlich willst, weil du plötzlich merkst, dass dir die und die Seite an dir garnicht mehr so gefällt.
In Konstanz habe ich dieses Gefühl nicht mehr gehabt. Ich habe irgendwie der sein können, der ich war, auch wenn ich noch nie zuvor so war. Das hat sich gut angefühlt und ich glaube, dass das einer der großen Vorteile ist, wenn man aus einem gewohnten Lebensumfeld ausbricht und etwas Neues erlebt. Ich hatte das Gefühl, mich weiter zu entwickeln und das hat sich gut angefühlt und mich mit Zufriedenheit erfüllt.
Ich sehe mein Auslandssemester hier in ähnlicher Weise. Ein Umfeld aus all diesen internationalen Studenten zwingt einen dazu, offen zu sein und das tägliche Leben in einer anderen Kultur für eine doch recht lange Zeit kann einem aufzeigen, was für Seiten man an sich selbst nicht mag und woran man gerne arbeiten würde. Plötzlich diskutiere ich wieder mit Leuten über die Legitimität von Homosexualität – in Deutschland ist das gar keine Frage mehr. Aber es gibt hier einfach Leute, die der Meinung sind, sowas mache man nicht und wenn man es mache, dann doch bitte gefälligst in daheim, wo andere es nicht sehen. Darüber zu diskutieren ist interessant. Neulich sagte mir ein Freund: Homosexuelle sollten keine Kinder erziehen dürfen, weil die sonst auch schwul/lesbisch werden und dann die Menschheit ausstirbt eines Tages. Ja, da muss man jetzt erstmal tief Luft holen und dann gehts los. Ich hab ungeschickter Weise mit dem kompliziertesten Einwand begonnen: Was ist bitte das Problem daran, wenn die Menschheit ausstirbt? (Okay, das war zu radikal, geb ich zu. Also meinte ich:) Soll ein Staat Gesetze schaffen, die verhindern, dass die Menschheit ausstirbt? Kann das Aufgabe eines Staates sein? Dann müsste der Staat konsequenter Weise wahrscheinlich auch 'normalen' Paaren vorschreiben, Kinder zu bekommen... wie auch immer, es ist interessant, über diese Dinge diskutieren zu müssen. In der Welt da draußen ist es immer noch, leider, alles andere als selbstverständlich, homosexuelle Menschen in unserer Mitte zu haben. Ich spüre das hier öfter als in Deutschland. Immer wieder auch interessant ist die Religion, zu der ich natürlich ein ganz besonderes Liebesverhältnis habe...
Amerika ist, vielleicht gemeinsam mit Frankreich, das einzige westliche Land auf dieser Welt, das eine derart strikte Trennung zwischen Kirche und Staat hat. Die Realität aber sieht anders aus. Auf jedem Geldschein steht 'In God We Trust' und es ist völlig, VÖLLIG undenkbar, dass ein Politiker in der Öffentlichkeit auftritt und verkündet, er glaube nicht an Gott. Das wäre politischer Selbstmord. Auch da sind wir in Deutschland etwas weiter (Schröder hat, soweit ich mich erinnere, bei seiner Amtseinführung auf den religiösen Eid verzichtet). Naja, die Religion... es ist halt so ein Thema... wenn es nunmal keine stichhaltigen nicht-religiösen Argumente gegen Stammzellenforschung gibt, dann sollten wir Stammzellenforschung betreiben. Wenn aber die religiöse Lobby so stark ist, dass sie Stammzellenforschung verbieten kann, dann ist diese religiöse Lobby verantwortlich für all das Leid jener Menschen, deren Krankheiten durch die Forschung hätten beendet werden können. Aber gut... ich schweife ab.
Es ist alles in Bewegung, die Welt um mich herum, ich selbst, alles rollt. Ich lese unheimlich viel, fühle mich jeden Tag von neuem herausgefordert von all diesen großen Denkern, die da ihr Geld damit verdienen, ihre intellektuellen Kämpfe auszufechten. Und all diese neuen Menschen, die ich hier dankenswerter Weise kennen lernen darf, stimulieren mich mit ihren Weltanschauungen, ihren Problemen, ihren Träumen, ihren Vorzügen, ihrer Verstocktheit, ihrer... Andersartigkeit (gerade ist Alex' chinesischer Mitbewohner mit dem Handy auf der Toilette gesessen und hat sein Geschäft verrichtet, während er laut mit irgendeinem Freund auf chinesisch diskutiert hat – zumindest dem Tonfall nach...*).
Kennt ihr das Gefühl, wenn man im Urlaub ist und sich einfach völlig wohl fühlt und einfach genau so ist, wie man sein möchte, weil man einfach darauf pfeift, was die anderen denken, weil die einen je eh nicht kennen? Ich glaube, dass jeder Mensch gut daran ist, zu versuchen, dieses Gefühl aufrecht zu erhalten und es tagtäglich zu leben. In der Fremde kann man das gut trainieren... und das Endziel ist, das auch in Deutschland genau so zu machen. Und so, trahahahaha, die Moral von der Geschicht (Thema aus Fluch der Karibik im Hintergrund):
Erst in der Fremde lernt der Mensch, sich selbst zu sehen,
erst in der Fremde kann der Mensch sich selbst verstehen.
So, das war wieder genug des Hochtrabenden für heute! Ich geh pennen! :-)
Ich drück Ägypten die Daumen!
so long
*das mit dem Tonfall bezieht sich auf die Diskussion, nicht auf das Geschäft.

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