Dienstag, 3. November 2009

Die Lebenstestfrage

Wow, das hat Kraft gekostet. Die letzten Tage im Oktober waren exzessiv in so ziemlich jeder Hinsicht. Ich hatte 9 Tage Zeit, um ein 16-Seiten Papaer zu schreiben, wir hatten Playoffs mit unserer Fußballmannschaft, ich wurde krank und nebenher bahnte sich Halloween an und damit eine Kostümorganisationsaktion. Und alles nimmt soviel ZEIT in Anspruch... Welche Mitglieder der Mannschaft können an welchem Wochentag spielen, wer kann nicht und muss zu einem Seminar, warum zum Teufel ist Julian nicht auf dem Feld, soll ich mit meiner Grippe spielen oder nicht, welches verdammte Kostüm trage ich am Freitag und Samstag und durch welche gewiefte Beweisführung zeige ich, dass der Regelutilitarismus extensional äquivalent mit dem Handlungsutilitarismus ist? Das alles waren fragen, denen ich mich zu stellen hatte - und es auch tat. Nunja, und dann haben wir das erste Spiel der Playoffs überragend 5:2 gewonnen, ich habe ein Kostüm gekauft, wir haben das zweite Spiel gewonnen, weil die andere Mannschaft nicht aufgetaucht ist, ich habe mich in der Bib eingeschlossen um zu schreiben, wir sind aus dem Turnier geflogen, weil wir nicht genügend Spieler hatten (10:0 verloren, keine Ahnung, was die anderen alle getrieben haben und wo die waren...), dann war ich krank und bin deshalb am Freitag daheimgeblieben, obwohl ich Tickets für eine Riesenparty hatte, die berühmt im ganzen Ländle ist, um mich für Shotas Hausparty am Samstag vorzubereiten. Halt! Stimmt gar nicht, ich bin am Freitag zwar daheimgeblieben, aber dann spontan mit ner Freundin nach dem Abendessen nach Downtown gegangen, weil ihr Geburtstag war und da sind wir dann unverhofft Zeugen eines ziemlich geilen kleinen Konzertes geworden und ich kam natürlich später und mit mehr Kopfweh ins Bett als ursprünglich erwartet und... uff.

UFF. Sonntag nach der Halloween Party war ich dann am Ende meiner physischen Kräfte. Dann bin ich zur Bibliothek getigert und hab dort vier einhalb Stunden am Stück auf fünf Seiten Edward Regis' Version des Ethischen Egoismus auseinandergenommen. Danach war ich ein Zombie, eine ausgebrannte Höhle, ein... achwasweissich. Jedenfalls waren auch meine intellektuellen Fähigkeiten an diesem Sonntag abend nur noch mit einem Wort zu beschreiben: "blubb".
Also früh ins Bett, Montag früh aufgestanden und nochmal über das Paper drübergelesen - dann per Mail an meinen Professor geschickt und dann festgestellt, dass ich zwei Stunden zu spät bin. Ja, habe am Sonntag im Fieberdelirium 9 statt 6 gelesen... Also fix eine Email an meinen Professor aufgesetzt, ihn um Verzeihung gebeten und darum, dass er mir das doch trotzdem anrechne... und falls nicht wünsche ich seinem Hund guten Appetit (Prof. Feldman hatte vor zwei Wochen angekündigt, zu spät abgegebene Examen seinem Hund in den Fressnapf zu hexeln). Bisher habe ich keine Antwort von ihm bekommen, aber ich bin guter Dinge...

Diese Woche werde ich mich ausruhen. Und alles gaaaaanz langsam angehen. Zum Beispiel die 5-6 Seiten Kritik an Ayers Ansichten über Ethik und Moral, die ich Donnerstag einreichen sollte. Gaaanz langsam werde ich das morgen in der Bib machen. Uff. Und dann werd ich abends daheim sein und Tee trinken und ein Buch lesen. Hab mir heut eins gekauft. Eins ohne Philosophie.


Das Gute ist, dass ich meine Lebenstestfrage immer noch beantworten kann. Eine Lebenstestfrage besteht aus einer Frage, die den kompletten Lebensentwurf, der derzeitig gelebt wird, hinterfragt. Ich zum Beispiel studiere Philosophie und bin in Amerika und mache meinen Master und habe die Idee, dass mich das befriedigt und auf eine ziemlich verquere Art irgendwie glücklich macht... und deshalb habe ich mir eine Lebenstestfrage überlegt, die ich mir stellen kann, wenn ich mir nicht mehr GANZ sicher bin, ob ich noch machen will was ich mache. Die Frage lautet: "Warum zum Teufel sitzt Du nicht gerade auf Ko Phangan und baust eine Strandbar?" Ko Phangan ist eine kleine Insel im Golf von Thailand, die sehr schön ist und auf der es sich leben lässt. Und ich bin fest davon überzeugt, dass ich da mit dem (eventuell vergleichsweise geringen) praktischen Verständnisvermögen, das mir von meiner mitteleuropäischen Kultur anerzogen wurde, ziemlich erfolgreich sein könnte... naja, aber solange mir das hier noch mehr Spaß macht als Barmann an einem Traumstrand... auch gut! Ich werds jetzt erstmal wieder etwas ruhiger angehen lassen. Und falls es mich mal wirklich über mehrere Wochen hinweg so ankotzt, dass ich nur noch abhauen will, dann sitz ich im ersten Flieger nach Bangkok. Hab schließlich auch nur ein Leben...

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