Ein Fluss, zwei Vans, ein Versorgungsauto, vierzehn flusshungrige Menschen, zwei Kanus, sechsunddreißig Stunden, einhundertdreißig Meilen. Mein Wochenende in Zahlen.
Freitag gings los. Zwei gemietete EnterpriseVans mit Matraze hinten drinnen und nem Kanu auf dem Dach. Die Teams waren schnell verteilt. Dann hoch zur kanadischen Grenze in den schönen Staat Vermont, der, ähnlich der Gemeinde Bodelshausen, mehr Kühe als Einwohner aufzuweisen hat - dafür aber eine schönere Landschaft. Morgens um zwei Uhr gings dann los in den Fluss für die ersten vier wackeren Kanuer (?). Das Gras war voller Frost, unser Atem produzierte Wolken, das Wasser war eiskalt, die Temperatur bei etwas über dem Gefrierpunkt. Ich war froh, nicht in völliger Dunkelheit paddeln zu müssen...
Als die Kanuer in der Dunkelheit verschwunden waren, machten wir uns auf den Weg. Eines der Autos fuhr Checkpoints ab, das andere fuhr direkt zum crew-change-point. Die Checkpoints, das waren auf einer Karte markierte Stellen nahe des Flusses, von dem aus Sichtkontakt mit den Kanus hergestellt werden sollte, was circa alle zwei Stunden stattfand. Das Checkpoint-Auto fuhr also immer zwanzig bis vierzig Minuten zu einem Checkpoint und wartete dann auf die wackeren Bezwinger des Flusses. Außerdem hatten wir Radios, die allerdings nur eineinhalb Meilen Reichweite hatten - also großteils unnütz waren. Also gingen wir dazu über, Mobiltelefone in Plastiktüten mit in die Kanus zu nehmen, für den Fall der Fälle.
Die erste Strecke, gepaddelt von Eric, Sollie, May und Niddhin, war dann auch gleich die schwerste. Dunkelheit, enger Flussabschnitt, Gefahr von umgestürzten Bäumen im Fluss. Wenn man auf die drauffährt, ist Kippen beinahe unumgänglich. Und das wäre kalt geworden... zu allem Überfluss sind die vier dann auch noch in nen hartnäckigen Nebel reingefahren, der verhindert hat, dass sie außer einem romantischen und strenenbedeckten Nachthimmel irgendetwas sehen konnten. Das kann dann schon mal unheimlich sein. Aber sie haben es geschafft.
Nach viereinhalb bis sechs Stunden, abhängig von der Fitness der Crew und der Geschwindigkeit des Flusses, gab es einen Wechseln. Die vier Paddler wurden zu vier Schläfern, die vier Schläfer wurden zu vier Fahrern und die vier Fahrer wurden zu vier Paddlern. Monika, eine alte Freundin unseres Leaders Eric, war verantworlich für das Versorgungsauto und wartete bei jedem Crew-change mit Chili, Tamales, Pfannkuchen, Rührei, Früchten (Erdbeeren, Äpfeln, Bananananananen), heißem Tee, Bagels, Erdnussbutter, Kaffee und und und auf - GEPRIESEN UND GELOBET SEI SIE! Nach einer fünfeinhalbstündigen Schicht hast du Hunger!
In meiner ersten Schicht war ich mit Stephanie im Boot (man beachte die kreative Idee...), das andere Boot war mit Teuta und Jakob besetzt. Wir hatten eine dankbare erste Schicht - sie begann um ca. acht Uhr morgens - wir hatten eine wunderschöne Tour inklusive Sonne, einem recht flotten Flussabschnitt und den schneebedeckten White Mountains in der Ferne. Sehr atmosphärisch war außerdem ein Flussabschnitt, dessen Riverbank (hab das deutsche Wort vergessen) mit Autos aus den 30er bis 50er Jahren übersäht war. Was das sollte, weiß auch kein Mensch, zumindest nicht wir, was aber der Atmosphäre keine Abbruch tat. Super Sache.
Steph hatte dann während unserer ersten Schicht ihren Ellbogen irgendwie fragmenturierkaputtet, weshalb mich Monika in der zweiten Schicht begleiten sollte. Das wurde dann aber nix, weil uns das Gas ausging, somit auf neues Gas gewartet werden musste und Monika damit zu lange mit der Nahrungsmittelproduktion beschäftigt war, als dass sie mit mir um sieben Uhr morgens ins Kanu hätte steigen können. Also sprang Teuta ein, die zu diesem Zeitpunkt als einziges Teammitglied zwei Schlafschichten auf dem Buckel hatte. Eine zweite Tagesschicht später war ich dann am Ende und sprang in den Fluss. Geschätzte zwei bis fünf Grad Eiswasser. Zum Glück scheinte die Sonne.
Sonstige Highlights? Mit Steph und May das erste homosexuelle Paar Mädels, das ich persönlich kennen lernen durfte, was sehr interessant war, weil ich mit Steph während einer unserer Fahrerschichten ausgiebig über ihre Probleme mit ihrer Familie und der Gesellschaft im allgemeinen gesprochen habe.
Außerdem waren wir in einem Ort namens Guildhall in einem Gebäude namens Öffentliche Bibliothek auf der Toilette, wobei sich herausstellte, dass die sogenannte "Bibliothek" in Wahrheit eine Kultstätte der sogenannten "Masons" (Steinmetze) ist - einer mysteriösen und pseudogeheimen Arbeitergemeinschaft, deren Geschichte bis zur Gründung der USA zurückreicht und die allerhand seltsame Traditionen pflegen. Teuta und ich gingen ein wenig durch das leere Gebäude und fanden einen Thronsaal mit Empore, mehreren verziehrten Stühlen, einem Altar mit Bibel in der Mitte des Raumes und einem Pendel, das fünf Meter von der Decke herabhing und über der Bibel schwebte. Außerdem überall Fahnen und Pyramiden und Augensymbole... und als ich ein Buch öffnete und zu lesen begann, stand auf jeder Seite erstmal die Widmung "Dear worshipful Master", was einen befremdlichen Eindruck bei mir und Teuta hinterließ - wir verließen das Gebäude, das uns plötzlich vorkam wie eines jener Häuser, in welchen es geradezu notwendig erscheint, dass im Keller Menschen gefesselt an der Wand hängen und du irgendeine Tür öffnest und plötzlich ein Typ mit unterlaufenen Augen und einer rotierenden Kettensäge in der Hand vor dir steht und dich fragt: "How are u doing?".
Wir also nix wie raus (vorher noch ein paar Fotos gemacht).
So, das war erstmal ein kleiner Überblick. Nächstes Wochenende findet ein kleines Nachtreffen und Barbecue statt, bei dem ich Bilder bekomme. Ich werd dann ein paar hier reinstellen. Bis dahin gibts ja facebook.
Ich sitz gerade in Amherst Coffee, hatte einen Bagel mit Hummus, Tomaten, Zwiebeln und Salat zum Frühstück (bei Bruegger's Bagels) und schlürfe meinen Cappuccino und mein Fizzy-Lizzy-Grapefruit-Organic-Säftchen. Und jetzt gehts ans arbeiten. Das nächste Abenteuer wartet hinter einem Berg aus Papers, Büchern und meiner Tastatur.
Cheers.
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