Ich beschäftige mich dieses Semester unter anderem mit Menschrechten. Die politische Philosophie von John Rawls könnte, so denke ich im Moment, eine vernünftige Basis für die Entwicklung universeller, also für alle Menschen gültigen, Rechte darstellen. Eine derartige Ansammlung an Menschenrechten, für die sich, wie ich denke, vernünftigerweise zwingend argumentieren lässt, würde unter anderem folgendes verbieten:
- Einsperren und Töten von Menschen, die ihre Meinung äußern, wie in Iran oder China praktiziert.
- Klitoris-Beschneidung von Mädchen in Afrika.
- Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen.
- Recht auf persönliche Entfaltung, das nur von der Freiheit der Mitmenschen eingeschränkt wird (die Freiheit meiner Faust hört da auf, wo die Nase meines Nebenmannes anfängt).
Mit diesen Gedanken im Hintergrund lese ich tagtäglich diverse OnlineMedien und höre seit Neuem auch den BBC Global News PodCast. Und da stoße ich dann manchmal auf Dinge, bei denen sich mir die Haare zu Berge stellen, ich zornig rot anlaufe, meine Pulsadern rasen und bei mir der nachhaltige Wunsch entsteht, mein Lieblingsthema wieder einmal zu thematisieren. Man schaue sich zu diesem Zwecke einmal das hier an:
http://www.zeit.de/gesellschaft/2010-02/grossbritannien-papst-homosexuelle
Der Papst fliegt nach England und kritisiert ein Gesetz, das der Diskriminierung von Homosexuellen und Frauen am Arbeitsplatz vorbeugen soll. Wie bitte? WAS?! Hä? ...ahem... warum? Ja, man mag sich im ersten Moment fragen, warum der das macht. Ist er einfach nur ein Vollidiot, der nicht versteht, was er da tut? Unwahrscheinlich - der Papst ist aller Wahrscheinlichkeit nach recht intelligent - spricht ja Deutsch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Latein und so und ist recht gut gebildet. Also warum? Ist er einfach ein böser Mensch? Eher unwahrscheinlich. Der Papst ist glaube ich ein ganz netter Mann. Ich würde gerne mal einen Tee mit ihm trinken.
Die Antwort muss wohl lauten: Der Papst folgt konsequent den Doktrinen seiner Kirche. Und die findet nunmal, dass Homosexuelle irgendwie das 'natürliche Recht' seiner Glaubensgemeinschaft bedrohen. Und Frauen auch.
Bleibt die Frage offen: Erkennt der Papst selbst, wie unmoralisch er handelt und ist eben nur den Zwängen seiner Kirche unterworfen? Oder glaubt der Typ das alles wirklich? Interessant ist dann die Frage, wie lange sich die Katholiken unserer 'aufgeklärten' Welt das noch anschauen. Einige sagen ja immer noch: 'Gut, der Papst sagt manchmal Sachen, mit denen ich nicht so einverstanden bin, aber im Großen und Ganzen sind die Werte ja schon toll, die da vermittelt werden! Mit der Gemeinschaft und dem Singen und so.'
Ich jedenfalls verstehe die Welt mal wieder nicht und frage mich, wann der Papst eigentlich das nächste Mal nach Afrika fliegt, um den Leuten dort unten in gutem Glauben zu verbieten, Verhütungsmittel zu benutzen. Und das obwohl wissenschaftliche Erhebungen zeigen, dass die Verbreitung von Kondomen die Anzahl der HIV-Erkrankungen vermindert. Vielleicht sollten wir guten Glauben durch gesunden Zweifel ersetzen.
Es ist eine interessante Zeit, in der wir leben: die nach der Meinung von millionen Gläubigen entscheidende moralische Instanz in unserem Universum arbeitet einer Verbreitung der Menschenrechte (hier im Speziellen: Gleichbehandlung) entgegen. Der Grund ist: sie war nie eine vernünftige moralische Instanz; und insbesondere heute offenbart sie sich beinahe täglich als verkrusteter, überholter Apparat, der den Ansprüchen einer aufgeklärten, vernünftigen Moral nicht gerecht werden kann, ohne sich selbst zu widersprechen.
An alle Ratten: verlasst das sinkende Schiff!
In gutem Glauben rate ich: Raus da.
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