Vor zwei Tagen waren wir mit Daniels Freunden Schumacker, Pedro und Gabriel in Ipanema am Strand, baden. Naja, wobei 'baden' in Brasilien das falsche Wort zu sein scheint. Nachdem ich mich durch die Massen an Liegestühlen, Sonnenschirmen (beides für 1,5€ pro Tag) und Menschen bis zum Meer vorgewühlt habe, sticht mir sofort eines ins Auge: Hunderte von Menschen stehen einfach im knöcheltiefen Wasser herum und unterhalten sich. Stundenlang. Die stehen da einfach. Ab und an hüpft mal einer ins Wasser. Aber ansonsten stehen die hier rum. Warum das? Julian fragte Gabriel und der erklärte kurzerhand, man wolle eben gesehen werden! Und ja, ansehnlich ist das schon. Die Mädels tragen Tangabikinis (quasi eine Grundausstattung), oder, falls kein Tangahösschen, so doch zumindest ein Oberteil, das nur noch für Unterschichtsfantasten etwas zum Fantasieren bereit hält. Und die Männer? Die scheinen an Gleichstellung der Geschlechter ein sehr großes Interesse zu haben. Getreu dem Motto: "Wir wollen auch zeigen, was wir haben!" werden enge Badehösschen getragen. Und so ist dann beim Strandausflug in Rio auch für die Frau was zum Gucken dabei.
Außerdem werden zwei Sportarten gespielt. Beachvolleyball und Futvolley. Zweiteres wird ebenfalls auf einem Beachvolleyballfeld gespielt, allerdings eben ohne Arme. Ansonsten die gleichen Regeln. Das bedeutet: EINE Ballberührung pro Person, maximal drei Ballkontakte. Nach zwei Ballwechseln verstehe ich, woher die Brasilianer ihre Technik haben. Es ist einfach nur beeindrucken, was für ein Ballgefühl die Menschen hier entwickeln. Auch 50 jährige Männer wissen ihr Kunst noch vorzuführen und selbstverständlich auch viele Frauen. Habe dann mal mit einigen brasilianischen Jungs 'Ball hochhalten' gespielt und hatte wirklich Probleme, mitzuhalten.
Und ja, richtig, die Welle. An diesem Tag kommen die Wellen sehr hoch an die Küste. Etwa zwei bis drei Meter. Ich habe, um ehrlich zu sein, die Kräfte solcher Wellen ein wenig unterschätzt und wurde zweimal so richtig schöen mitgerissen und unter Wasser in alle Richtungen geschleudert, was insgesamt sicher so 4 Sekunden ging. Ich hab einfach die Luft angehalten und rumgeschleudert-werdend darauf gewartet, dass das ganze gleich vorbei ist. Nur hab ich mir dabei dann irgendwie den Rücken verzerrt. Naja. Jedenfalls weiß ich jetzt, wie man unter so ner anrauschenden großen Welle durchtauchen kann, ohne sich wie ein Tischtennisball zu fühlen. Wieder was gelernt.
Silvester an der Copacabana war verrückt. Da waren 2 mio Menschen. Und ich habe den kompletten Abend lang keine einzige Toilette gesehen. Julian meint ja immer noch, 'da an der einen Ecke da' sei eine gewesen - ich hab jedenfalls keine gesehen. Später am Abend wird mir klar, warum so viele Leute 10 Meter rausschwimmen, da kurz anhalten und dann wieder zurückkommen. Ich bin immer wieder überrascht, wie selbstverständlich es für manche Menschen ist, in Gewässer zu pissen, in denen andere gerade schwimmen. Naja. Wieder was gelernt.
Ich jedenfallshabe nach dem Feuerwerk einen Druck auf der Blase, der in etwa einer mittelgroßen Handgranate entspricht und mache mich in der riesigen Menschenmenge auf den Weg, eine Toilette zu finden. Eine Stunde (!) später habe ich noch nichts gefunden, finde mich aber vor dem Copacabana Palace wieder, dem Luxushotel vor Ort. Siehst ja wie ein Ausländer aus, denke ich mir und entschließe, einen Versuch zu unternehmen. Den beiden gefährlich dreinschauenden Außentorwächtern erzähle ich in Englisch, ich würde hier wohnen. Sofort öffnen sie das Tor. Dann wirds kniffliger. Vor der eleganten Drehtüre in die Haupthalle des Hotels stehen zwei süße Brasilianerinnen und zwei weniger süße Bodybuilder in Anzug. Das Mädchen lächelt mich an und fragt mich, wo ich wohne. 104, lautet meine Antwort. Sie fragen mich nach meinem Namen. Julian Miller, sage ich. Sie fragen mich nach meinem Ausweis und Zimmerschlüssel. Ich präzisiere meine Situation wie folgt: Mister Miller sei der Mann zu dem ich wolle. Ein Freund von mir. Er müsse wieder auf seinem Zimmer sein und habe mich eingeladen. Entschuldigung, ich sei betrunken. Die beiden Mädels suchen in ihrem Ordner (Mist, eine Liste mit allen Gästen!) nach einem Herrn Miller, scheinen aber tatsächlich einen zu finden. Nach einer halben Minute werde ich durchgelassen und von Bodybuilder 1 (dem weniger unsüßen der beiden) durch die Türe zur Rezeption gebracht. Dort beginnt das Gespräch mit dem Rezeptionisten. Julian Miller, meine ich, 104. Da sei kein Julian Miller in 104. Das müsse ein Missverständnis sein, meine ich. Ich zücke mein Handy und spiele dem Rezeptionisten einen Telefonanruf vor. Das überzeugt zumindest Bodybuilder 1 davon, sich vom Acker zu machen. Er lässt mich alleine an der Rezeption. Ich wechsle ein paar Worte auf Deutsch mit Julian Miller an meinem Telefon. Dann lege ich auf. Entschuldigung, sage ich lächelnd zum Rezeptionisten, Julian sei immer noch draußen, es sei ein Missverständnis gewesen. Er habe zu viel getrunken und sei immer noch irgendwo auf dem Strand. Danke für die Bemühungen, ich werde ihn suchen gehen. Oh, und ob ich kurz die Toilette benutzen könne? Nein, das ginge leider nicht, meint der Türsteher nach kurzem Zögern. Als er Blickkontakt mit dem Türsteher aufnimmt, lächle ich ihm nocheinmal zu und verabschiede mich. Scheiße! So nah dran war ich!!
Zwanzig Minuten später finde ich eine Treppe zwischen zwei Häusern und folge ihr. Dann stehe ich in einer Gasse, beinahe menschenleer. Erleichterung.
Ansonsten? Schlendern durch die Gassen Rios, lesen, umschauen, Fotos machen und gestern die Tour hinauf nach Pedra da Gavea. Julian konnte nicht mit, weil er an Silvester dummerweise in einen offenen Gullideckel gestiegen ist und sich das Knie gestaucht hat. Dumme Sache. Hoffentlich bald wieder besser.
Ein kleines Rätsel:
Fügen Sie die folgenden Zahlen passend folgenden Begriffen hinzu:
- Reisezeit von LA nach Rio
- Tagesdurschnittstemperatur in Rio
- Kosten für einen frisch gepressten Ananassaft in Reais
- Anzahl der rausgeschwitzten Kilogramm aufgrund der Hitze
- Anzahl der bislang ausgetrunkenen Kokosnüsse
- Grad der Rückenschmerzen zwischen 0 und 50
- 3
- 34
- 30
- 4
- 10
- 20

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