Dienstag, 19. Januar 2010

Klappe, die zweite.

Ich glaube, dass dieser Laden hier der einzige Ort hier in Amherst ist, den ich in meiner Zeit in Rio und Kalifornien wirklich vermisst habe. Amherst Coffee. Downtown, direkt neben der Bank of Amerika Filiale und vor dem Kino. Gedimmtes Licht, Glühbirnen, deren Drähte glühen, aber nicht wirklich für eine Erhellung des Raumes sorgen, diese neumodischen dicken grausilbernen Lüftungsrohre, die einfach so und ohne Verzierung schlicht an der Decke entlang führen, Holzmöbelgarnitur, Internetzugang und beschaulich-gediegene Instrumental/Loungemusik. Viele Studenten kommen hierher um zu schreiben, zu lesen oder eben auch um sich zu unterhalten. Außerdem serviert Amherst Coffee den einzig trinkbaren Capuccino (scheiße, ich weiß gerade echt nicht mehr, ob man Capuccino mit zwei 'p' schreibt...) in der näheren Umgebung. Also den einzigen, der nicht aus in heißes Wasser gekipptem Pulver besteht. Großartiges Setting für eine gemütliche Lesestunde und wenn ich darüber nachdenke, dann ist das wohl das sympathischste Cafe, in dem ich mich je befunden habe.
In meinem letzten Sommer in Konstanz habe ich das ja schon öfter mal gemacht. Einfach rausgehen und in irgendeinem Cafe ein Buch lesen. Dieses Semester habe ich einiges an Zeit für Amherst Coffe und ich bin richtig froh darum. Meine Kurse sind Ethics (Feldman, Montag, 19-21.30), Epistemology (Kornblith, Dienstag, 16-18.30) und Rawls (Garcia, Donnerstag, 16-18.30). Das lässt mir sehr viel Freiraum für persönliche Zeiteinteilung – also genau das, was ich in meinem letzten Sommer in Konstanz während meine BA-Arbeit so zu schätzen gelernt habe.

Ja, ich bin wieder in Amherst. Gestern abend angekommen. Die Reise war unspektakulär bis langweilig. In Rio habe ich mir über ITunes noch das neue Coldplay/ArcticMonkeys – Album gekauft, sowie einen Film ausgeliehen (Crank2), um mich gebührend unterhalten zu können. Erstere haben das auch getan, letzteres nicht. Mein Hörbuch (A Song of Ice and Fire 2 – etwas über 50 Stunden) hat dann das Übrige getan. Nachdem ich für alle meine Flüge von Boston nach LA nach Rio nach Boston einen Fensterplatz vorbestellt hatte, wurden meine Gebete dann letztlich zumindest auf der kleinen Teilstrecke Charlotte-Boston von Fortuna erhört. Es ist einfach unschätzbar wertvoll, im Flugzeug eine Wand neben sich zu haben. Dann musst du nämlich nicht mitten in der Nacht erschreckt feststellen, dass dein Kopf während deines letzten wilden Traumes unbemerkt an der Schulter des Nebenmannes angedockt hat, dessen rechte Schulter jetzt feucht von geschätzten eineinhalb Stunden Schlaf-Sabber ist und du hoffend die Daumen drückst, dass das alles trocknet, bevor der Typ aufwacht. Gelobet sei die Wand.
Verfluchet sei Peter Pan. Gemeint ist nicht der fliegende Jüngling, der schlafende Mädchen in ihrem Zimmer besucht und sie ins Land ihrer Träume bringt (Nein, das ist kein Skript für einen Pornofilm. Siehe bei Wikipedia unter 'Disney'), sondern das Busunternehmen. Die brauchen nämlich, wenn du Pech hast, für die Strecke Boston Logan Airport – Umass Amherst schonmal 6 Stunden anstatt 2 in einem Auto. Da muss man dann an der SouthStation in Boston ne Stunde auf den Anschlussbus warten und dann nochmal fröhliche eineinviertel Stunden in Springfield. GRUMMEL.

Meine letzten Tage in Rio waren sehr schön. Am Donnerstag Abend haben wir Schumacker und Rafael, zwei Freunde Daniels, zum Dinner in ein ziemlich geiles Restaurant in Leblon begleitet. Schumacker haben wir eingeladen, weil der unsere Kutsche vom Flughafen gespielt hat. Wow. Geniales Buffet und Fleisch – haste noch nicht gesehn! Die Kellner sind permanent rumgerannt und haben einem Spieße angeboten. Da gabs dann alles. Lamm, Rind, verschiedenste Körperstellen – blutig oder unblutig. Meine Herren, hab ich Fleisch gegessen! Und ab und an mal zum Salatbuffet, um nicht NUR Fleisch zu essen. Hab auch das erste Mal in meinem Leben so richtig blutiges Fleisch gegessen, was überraschender Weise sehr gut geschmeckt hat. Danach sind wir zu fünft (Li, Julian, Schumacker, Rafael und ich) nach Lapa gefahren, einem angesagten Kneipenviertel. Das Wetter war schlecht und deshalb war Lapa nicht gar so überfüllt wie sonst, was sehr angenehm war. Wir haben dann bis drei Uhr morgens getrunken und geredet, wollten dann gehen, haben gesehen, dass ein Regensturm alle Straßen überflutet haben, weshalb kein Auto mehr fahren konnte, haben dann den anderen ausführlich erklärt, dass so etwas im gut durchstrukturierten Deutschland nicht möglich wäre und haben dann einfach weiter getrunken. Um halb 5 oder so waren wir dann zuhause, voller Fleisch und Alkohol und sind zufrieden ins Bett gefallen.
Am nächsten Tag ging es uns nicht so gut. Deshalb haben wir dann auch nur am Nachmittag einen kleinen Ausflug nach Santa Teresa gemacht, sind mit der alten Tram von Centro aus hoch gefahren und haben die kleinen Gässchen und Cafes dort spontan ins Herz geschlossen. Li hat uns gehörig in den Hintern getreten und so sind wir dann mit ihr auch noch in einen nahen Park gewandert und wurden dort von einer überraschen schönen Aussicht über das regnerisch-grau Rio belohnt.
Am nächsten morgen ist Julian zurückgeflogen, Li und ich hatten beide ziemlich Magenprobleme, weshalb wir den Tag über im Appartment blieben und dann abends aufgebrochen sind – zu einer Karnevalsprobe! Das war genial! Drei Karnevalsschulen, jeweils mehrere hundert Mann (alleine die Trommelbrigade, das Herz einer jeden Schule, mehr als 250 Mann) – der Sound dringt wirklich in jede Pore und schüttelt das Tanzgen gehörig durch! Sehr geil, das wir das gesehen haben!
Am letzten Tag gabs dann noch ein letztes Highlight. Ein Fußballspiel in Maracana, dem Stadion, in dem Pele Brasilien 1950 zum Weltmeistertitel schoss. Beeindruckend, was die Flamengo-Fans für eine Stimmung produzieren, obwohl das Stadion nur zu einem guten Drittel gefüllt war. Das Spiel ging jedenfalls 3:2 für Flamengo aus, was ausreichend Gelegenheit zum Torjubel lies. Achja: die Organisation war übrigens derart schlecht, dass wir, am Stadion angekommen, erstmal zum Zwecke des Ticketkaufes wieder vom Stadion weggeschickt wurden, irgendwo unter eine Brücke 15 Minuten entfernt. Da war dann aber die Schlange so lang, dass wir so lange warten mussten, dass wir erst zur Ende der ersten Halbzeit das Stadion erreichten (und das auch nur, weil uns ein netter Mann mit seinem Sohn in seinem Auto mit zum Stadion genommen hat). Sehr schön, das ganze Mal gesehen zu haben, wenn ich auch erneut anmerken muss, dass so etwas in Deutschland ja nie...

Ich sitz jetzt wie gesagt gerade in Amherst Coffee und schreibe einen Blogeintrag, gleich gehe ich mit Alessandra und Teuta ins Kino (der neue Film mit George Clooney (?) ) und danach wahrscheinlich noch mit Julian und Mister Friedi zum Karaoke. Dort haben Yanis (FRA)und ich vor meiner Abreise aus Amherst das Publikum mit 'I believe I can fly' von R. Kelly beglückt und überrascht festgestellt, dass einige Gäste ausreichend betrunken waren, um uns zu loben. O-Ton Mister Friedl: 'Tha... That was the b-bä-best performance of se whole evening!'
Also mal schaun, was heut so geht.

Ich habe gerade geniale, vielfältige, herzliche, anstrengende, schöne vier Wochen erlebt und stelle , meinen Chai-Tee schlürfend, zufrieden fest, dass ich wieder richtig Bock habe, in der Philosophie Gas zu geben.

Klappe Amherst, die zweite!













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