Montag, 28. Dezember 2009

Gedanken zwischen LAX und GIG

Zu Beginn heute ein kleines Schild, das ich lustig finde. Wer findet es noch lustig? (Ab und an muss ich überprüfen, ob mein Studium mich zum totalen Freak gemacht hat...)



Hier sitze ich am Flughafen von Los Angeles und finde kein Wireless Internet. Das es heutzutage in Deutschland immer noch Flughäfen ohne eine kostenlose Internetverbindung gibt... gut, das ist halt Deutschland. Hoffen wir, dass Stuttgart im Rahmen des Projekts 21 auf die Idee kommt, dass die internationalen Geschäftsmänner in der neuen Weltstadt Stuttgart dann auch mal gern vor ihrem Flug Mami daheim anskypen... Aber hier in Amerika? Jede mittelgroße Mormonenstadt in Utah hat ein public network!! (So hört man wenigstens...) Naja, schreiben und atmen kann man ja ohne Internet...

Neulich ist mir aufgefallen, dass 2009 das erste Jahr in meinem Leben war/ist, in dem ich länger nicht in Deutschland als in Deutschland war. Mit zwei Monaten Mauritius und vorher/nachher ein paar Tage Rom und jetzt Amerika hab ich mehr als sechs Monate im Ausland verbracht. Fühlt sich schon ein wenig seltsam an, irgendwie...

Die letzten paar Tage bei Renate und Dieter in der Wüste waren sehr erholsam. Ich hatte genügend Zeit, mich einer meiner großen Leidenschaften zu widmen: Geschichten. Roman, Hörbuch, Filme, Serien, Kino – alles hab ich mir reingezogen. Höhepunkt war zweifellos der Kinofilm Avatar, den ich in 3D hier im Kino sehen konnte, vor einigen Tagen. Ein wunderbar unterhaltsamer Film, der mir mit seiner beeindruckenden Technik und den genialen Bildern schon zeitweise den Atem geraubt hat. Extrem cool! Das Drehbuch hat seine Schwächen, ja. Es ist halt auf einer abstrakten Ebene betrachtet auch nicht gerade eine neue Geschichte. Es kam mir ein wenig vor wie eine moderne Version von Pocahontas mit umgekehrten Geschlechterrollen. Aber was James Cameron (Autor und Regisseur) auszeichnet, ist, dass er massentaugliche Blockbuster drehen kann, ohne die ganz kitschigen Szenen drinnen zu haben. Hat man auch bei Titanic schon gesehen (Interessant war ein Teil von James Cameron's Rede in Hollywood vor einigen Tagen. Da meinte er: “Mich hat bei Titanic das gewaltige Schiff und das Leben darauf interessiert. Davon wollte ich erzählen. Die Liebesgeschichte war der Preis, den ich dafür bezahlen musste.”) Und so schafft es Cameron auch in Avatar, die Liebesgeschichte in einen packenden Film hineinzupacken, so dass auch von naiver Dirty-Dancing-Romantik geplagte Seelen ihren Spaß daran haben können. In einigen Szenen erwartet man schon in fester Überzeugung typische Hollywood Melodramatik, um dann aber – Gott sei Dank – enttäuscht zu werden. Fast meint man, Cameron spiele ein wenig mit dem Zuschauer. Die Action ist genial, bisweilen brutal, und – hört hört! - auch nicht zu ausufernd. Außerdem sehr beeindruckend ist Camerons Gespür dafür, welche Szenen er zeigt und welche nicht. Es soll nicht zuviel verraten werden, aber die Art und Weise, wie der Protagonist die Na'vi für sich zurückgewinnt... eine supercoole Szene, von der dann das wichtigste gar nicht gezeigt-, sondern der Fantasie des Zuschauers überlassen wird – super! Und die vielleicht packendsten letzten 10 Sekunden seit The Dark Knight geben dem Film einen mehr als runden Abschluss (Hat Christopher Nolan ja jetzt anscheinend Hollywood damit angesteckt, den Filmtitel erst ganz am Ende des Filmes zu zeigen...). Insgesamt ein super Unterhaltungsfilm ohne viel Tiefgang (und besser als Titanic)!

Amerikanisch ist eine Sprache der Superlative. Hier ist alles am größten oder am Besten. Bei Burger King isst man den Big King XXL oder den Tripple Whopper Deluxe. Die nationale Sportliga nennt sich schon einmal 'World Series', die Landesvorwahl ist schlicht die 01 und gefühlte 85% der Amerikaner sind wie selbstverständlich davon überzeugt, im 'Greatest country of all' zu leben.
Schwäbisch dagegen ist eine Sprache der Minilative (Wort spontan frei erfunden). Hier isst man Flaischkiachle, Wirschdle oder a Kordofflsalädle, und getrunken wird ab und an ein Bierle. Schwaben sind keine Menschen der Superlativen, nein, im Schwabenländle ist man bodenständig. Mit Befremden schaut der Schwabe darum auf den sich selbst feiernden Amerikaner, der die linguistische Selbstbeweihräucherung quasi mit der Muttermilch verabreicht bekommt.
Umso interessanter ist es, mit zu erleben, wie sich der Schwabe in Amerika einleben kann. Dieter und Renate leben in einem netten 'neighbourhoodsle' und wenn es kalt ist, dann wird ganz unkompliziert das 'heaterle' angeschalten. Die beiden sind damals in die USA ausgewandert, weil es hier einfacher war, selbstständig und unabhängig ein Leben von Grund auf aufzubauen. Weniger Bürokratie, ein freierer Markt. Darauf schwören die beiden und wenn man in ihrem Häuslein in Palm Desert sitzt, dann merkt man auch, dass diese Philosophie etwas für sich hat. Die beiden lieben die USA, haben vor einiger Zeit ihre Deutsche Staatsbürgerschaft gar gänzlich aufgegeben, um fortan ihr Dasein als waschechte Amerikaner zu fristen. Zumindest auf dem Papier.
Fakt ist nämlich: Renate und Dieter sind schwäbisch geblieben (Renate: “Domols war i in Nei-York ond hab dem Dieterle angerufen!”). Nach wie vor werden Spätzle gekocht und auch des Kartoffelslädle darf nicht lange fehlen. Mit schwäbischer Bodenständigkeit wird dann auch so manche amerikanische Lebensart analysiert und hinterfragt. So zum Beispiel der katholische Gottesdienst. Dieter: “Ha woisch, da schaffsch du finfasechzg Schdonda en dr Woch, hosch daheim Familie mit rer Frau ond drei Kender, om di du de sorgavoll kimmersch, ond noa goasch du Sonndichs end Kirch und noa schreit der Seggel vo dr Kanzel ra, du seiesch an Sünder ond missesch om Vergebung bidda! Do han i mi omguckt ond mi gfragt: Was? Moint der mi?””
Oder Renate zum Thema 'Moses und überhaupt': “Ond dann läuft der virrzig Johr lang duarch d Wüschde, der Maaa! Hätt der Kerle oimol noch am Wäg gfroget! Aber so senn se halt, die Kerle...”
Und so schützt einen eine schwäbisch-nüchterne Art in den USA gleichermaßen vor uferlosem Sprachgebrauch (“Big King XXL...? Ha jetzet dennamol a bissl s Gas weg...”), wie auch vor der beinahe unvermeidlichen ungesunden Ernährung (“Ha woisch, wenn de dr liabe lange Daag des Klomp frisch, no gosch am Däfer na!”). Und so leben Renate und Dieter den Mittelweg zwischen amerikanischer Superlative und schwäbischer Minilative. Diese beiden Lebensarten scheinen sich, in der Praxis betrachtet, auch recht gut zu ergänzen (in beiden Sprachen scheint das Ich dasselbe Gewicht zu haben; spricht man doch über sich selbst nur mit einem einzigen Buchstaben: dem 'i'. Wenn auch der Schwabe niemals auf die Idee käme, es groß zu schreiben...) Renate und Dieter führen ein ausgewogenes Leben, in schwäbischer Bodenständigkeit und mit amerikanischer Herzlichkeit und Lebensfreude, in der warmen Sonne Kaliforniens. Mit Herz und Seele sind sie schwäbische Amerikaner.

Die USA ist tatsächlich größer als Europa. Schaut euch mal ne Weltkarte an! Da verwundert es auch nicht, dass dieses Land so viele verschiedene Gesichter hat... wie in Europa ist auch hier fast für jeden was dabei!

So, am Flughafen kommt gerade die Durchsage: “All passengers to Rio de Janeiro, please board at gate 12. Your airplanele has arrived.”

Juheissassa!

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