In Amherst, einer kleinen Provinzstadt im Westen von Massachusetts, gibt es in jedem Plumpsklo gratis-Internet mit ohne Kabel. Einfach so. Punkt. Da hängt einfach überall ein Schild an jedem Café, man könne hier ins Internet. Unkompliziert, ohne Registrierung und ohne die monatliche Ausgabe von 'Erotik pur' zu abonnieren. Ja, irgendwie wirkt hier sowohl das Alltagsleben als auch das Uni-Leben noch onliner als in Deutschland. Gut, auch zuhause war meine erste Handlung nach dem Verlassen meines Bettes der Gang zum Macbook, um meine Emails zu checken. Hier aber kann ich, wenn ich das Passwort meines Online-Banking-Accounts ändern möchte, auf die Homepage der Bank of America gehen und einfach mit einer Mitarbeiterin einen Chat beginnen. Das ganze dauert dann 10 Minuten, sie fragt ein paar Fragen, um sich sicher zu sein, dass ich ich bin (gut, genaugenommen bin ich immer ich, egal, wer ich bin - aber solche Überlegungen sind im Alltag fehl am Platz) und schwupps - das wars.
Nett, finde ich.
An der Uni in Konstanz haben wir ja jetzt seit zwei Jahren ein elektronisches Prüfungsanmeldesystem. Fraglos ein weiter Schritt hinein ins 21. Jahrhundert. Außerdem beginnen einige Dozenten damit, ILIAS zu benutzen. Kann man sich vorstellen wie eine abgespeckte Version von StudiVZ oder Facebook, auf die der Dozent Inhalte hochladen kann, um sie den Studenten zur Verfügung zu stellen, so diese nicht zu doof sind, sich anzumelden, was durchaus vorkommt. Trotz dieser Neuerungen hat Konstanz bei mir einfach noch nicht dieses 'wow-ich-fühle-mich-wirklich-im-21.-Jahrhundert-wegen-der-Technik'- Gefühl ausgelöst. Dies mag unter anderem daran liegen, dass es an unserem Fachbereich geschehen kann, dass ein Professor eine Email eineinhalb Wochen nicht beantwortet und man nach mehrmaliger Nachfrage, was denn geschehen sei, gesagt bekommt, dass dessen Sekretärin leider im Urlaub war - was leider zu einem digitalen Poststapel bis unter die Decke führt.
In Amherst entgegen betritt der etwa 60-jährige Professor den Raum und verkündet, er halte nichts von Büchern. Bumms. Das sitzt. Ein Philosophieprofessor, der nichts von Büchern hält?! Was soll denn das bitte sein? Naja, fährt er fort, wer immer noch so altmodisch ist, ein Buch vor sich liegen haben zu müssen, um zu lesen, der werde in diesem Kurs nicht glücklich. Die Lektüre sei ausschließlich online zu down-zu-loaden. Ich kann nicht umhin, vor meinem geistigen Auge die Szene abzurufen, in der mich ein Professor in Deutschland fragt, ob ich zu jenen seltsamen Wesenheiten gehöre, welche 'direkt in die Maschine' formulieren. Was er damit genau meine? Nun, er meine damit, dass man eben nicht mehr von Hand vorschreibe und das Geschriebene dann abtippe, sondern eben einfach direkt in 'die Maschine' formuliere (er betont dieses Wort auf dieselbe Art, wie ein Greenpeaceaktvist das Wort 'Robbenbabytötungen').
Naja, gerade eben habe ich mich jedenfalls in SPARK eingeloggt. Kevin hat für seine Studenten eine Seite eingerichtet, von welcher aus nicht nur alle relevanten Texte heruntergeladen werden können, sondern auch wild gechattet und diskutiert werden kann. Über Fachspezifisches, versteht sich. Der ein oder andere mag nun einwerfen, dass es in Deutschland all diese Technik ja auch schon gebe. Dem stimme ich zu. Der Unterschied ist nur der, dass die Leute hier diese digitalen Möglichkeiten auch umfassend nutzen. So hat Kevin zum Beispiel auf die Seite gleich auch noch einige Youtube-Videos mit Interviews der zu behandelnen Philosophen zu unterschiedlichen Themen verlinkt. Nett.
Am 10. Dezember des Jahres 2009 a.D. werde ich die erste Multiple-Choice-Klausur meines Lebens schreiben dürfen. Ja genau: in Philosophie. Genauer: politische Philosophie. Ich bin einmal gespannt, wie diese Geschichte ausgehen wird. Moderner ist so etwas vielleicht - aber besser? Naja, manchmal sind die Dinge vielleicht gar nicht soo schlecht, im alten Europa.
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