Ever tried.
Ever failed.
Don't matter.
Try again.
Fail again.
Fail better.
- Beckett
Ever failed.
Don't matter.
Try again.
Fail again.
Fail better.
- Beckett
Ich treibe meine Finger in den Griff. Als meine Füße sich auf die Suche nach einer kleinen Einbuchtung im Felsen machen, hängt mein Gewicht für eine halbe Sekunde alleine an meinen Armen. Eine halbe Sekunde zu lange. Ich stürze.
Einen halben Meter tiefer spannt sich das Seil. Schützend drücke ich meine Beine gegen den Fels, um nicht mit dem Körper gegen die Wand geschleudert zu werden.
"Du hattest es fast!", dröhnt eine Stimme zu mir hinauf. Ich blicke hinab. Zehn Meter unter mir steht Mike und hält das Seil und mein Leben in den Händen.
Scheiße!", fluche ich. "Ich probiers nochmal! Diesmal klappts!"
Für etwa eine halbe Minute baumele ich am Seil und genieße die Aussicht. Das Grün New Hampshires im späten September. Einige rote, orangene und gelbe Fäden durchziehen die Landschaft. In einigen Meilen Entfernung sehe ich einen See silbern in der Abendsonne giltzern. Der Wind pfeift leise.
Meine Füße finden Halt. Meine Finger klammern sich wieder in den Felsen. Diesmal wird es klappen. Ich weiß es. "Stück für Stück!", sage ich mir. Und beginne von Neuem.
Die Universität von Massachusetts in Amherst hat einen Outing-Club. Das ist ein Studentenclub, der sich zum Ziel gesetzt hat, allerlei Aktivitäten an der frischen Luft zu organisieren. Floß fahren, Kajak fahren, Klettern, Wandern, Schi (so nebenbei: das ist das hässlichste Wort der deutschen Sprache), Eisklettern und so weiter. Im Frühling wird eine dreitägige Floßtour den Connecticut-River hinab angeboten, inklusive Camping in der Nacht, irgendwo an den Ufern des Flusses. Dieses Wochenende gab es die Neueinsteigerhütte. Circa dreißig unternehmungslustige junge und attraktive Menschen machten sich am Freitag auf den Weg nach New Hampshire, den Standort der Waldhütte des Outing-Clubs.
Das Motto des Outing Clubs lautet: "We take people into the woods and do things with them" (Wir bringen Leute in die Wälder und machen Sachen mit ihnen). Und das Motto war dann auch Programm. Am Freitag Abend gabs Geschicklichkeitsspielchen. Bei einem gelang es mir sogar, zusammen mit Teuta einen Rekord aufzustellen. Das Spiel bestand darin, gemeinsam eine Bierflasche so weit wie möglich von einer Linie entfernt abzustellen. Einschränkungen: Einer der beiden muss diese Linie berühren, der andere darf nicht den Boden berühren. Das führt dann dazu, dass einer der beiden in Liegstützposition geht, der andereauf dem Rücken des ersteren nach vorne klettert, die Flasche soweit als möglich nach vorne stellt und wieder zurückklettert. Nach einigen unterschiedlichen Techniken stellte sich folgende als die Beste heraus: A geht in Liegestütze-Position, B klettert mit der Flasche im Mund auf As Rücken nach vorne und stellt sich mit beiden Beinen auf eine Hand von A. A schiebt die andere Hand so weit wie möglich nach vorne. B, die Bierflasche inzwischen in der Hand, macht einen großen Schritt auf die andere Hand von A und hält sich dabei an Hals/Haaren/T-Shirt von A fest, um die Balance zu halten. B stellt die Flasche ab, stellt sich wieder auf die andere Hand, A zieht die vordere Hand wieder zurück in Liegestützeposition und B klettert wieder über den Rücken zurück. Juhu. Hüttenrekord. Aber ob das lange hält?
Das Schöne am Klettern sind diese Momente, wenn man hoch oben in der Wand hängt und überhaupt keine Ahnung hat, wie man diesen verrückten Überhang bezwingen soll. Man sieht keine Griffe, die Kraft geht zur Neige - es scheint keinen Ausweg zu geben. Und doch... Wenn man die Sache langsam angeht, Stück für Stück, immer wachsam und konzentriert, dann kann man es schaffen. Es ist erstaunlich und oft sogar rührend, wenn man sieht, wie Leute sich beim Klettern selbst überwinden.
"In tausend Jahren hätte ich mir das nie zugetraut!". Oder: "Ich hatte da oben schon aufgegeben, bis dann...". Sätze, die man oft zu hören bekommt, unten an der Felswand, erzählt von euphorischen Gesichtern. Man fühlt irgendwie, sich mit seinen Ängsten auseinandergesetzt zu haben. Sich ein kleines Stückchen weiterentwickelt zu haben. Als am Abend die Seile eingerollt-, die Karabiner in den Taschen verstaut- und die Kletterschuhe ausgezogen werden, sind alle ganz ruhig und wirken zufrieden.
Bei Abenddämmerung treten wir aus dem Wald heraus auf die Straße. Eine halbe Stunde Fahrt bis zu unserer Hütte, ohne fließend Wasser und Elektrizität. Die Dusche muss bis morgen warten. Der Magen nicht. Spaghetti. Ich habe einen Bärenhunger. Erschöpft und lebendig setze ich mich ins Auto. Stück für Stück nähern wir uns dem Abendessen.
Eine schöne Rede auf Englisch:
http://www.youtube.com/watch?v=WO4tIrjBDkk
Wer möchte, kann sichs auch auf Deutsch anschauen:
http://www.youtube.com/watch?v=LQL1q8rlrjE
Nach dem Essen sitzen wir unter den Sternen und lauschen dem Soundtrack zu König der Löwen. Das Bier fließt, die Stimmbänder beben. Jeder kennt den Text. Die Wärme des prasselnden Feuers wärmt mein Gesicht. Es sind die kleinen Schritte. Es sind die kleinen Momente.
Unsere Mannschaft
"We take people into the woods
and do things with them".
Doppelt so viele Leute wie Matrazen, ein Tag
Sport, keine Duschen. Am Morgen öffneten wir
die Fenster...
Ich habe einen Berg voll Arbeit vor mir, als wir zurück nach Amherst kommen. Eine Hausaufgabe bis Montag, 70 Seiten lesen bis Dienstag, einen Aufsatz bis in einer Woche. Wieder muss ich klettern. Wieder beginnt ein beschwerlicher Aufstieg. Doch ich bin zuversichtlich.
Stück für Stück...
Inch by inch...
9

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